Archiv für November 2011

Raul Vaneigem: »Die Allgegenwart der Arbeit«

»Sie verbringen die Woche in der Erwartung daß die Arbeit Sonntagskleider anlegt.

Sie ziehen von Montag bis Freitag ihre Dienstuniform an – so gehen sie zur Freizeit, wie sie zur Frontarbeit gehen. Fast spucken sie in die Hände, bevor sie einen Pernand-Vergessels kippen, in den Louvregängen herumschlendern, Baudelaire rezitieren oder wild Unzucht treiben. Zur festgesetzten Zeit und Stunde verlassen sie die Büros, die Werkstätten und die Ladentische, um sich im gleichen Takt der Bewegungen in eine abgemessene, verbuchte Zeit zu stürzen. Stück für Stück wird diese Zeit mit Namen beschriftet, die wie Fläschchen klingen, die man fröhlich öffnet: Wochenende, Urlaub, Feier, Ruhe, Freizeit, Ferien. So sehen die Freiheiten aus, die ihnen die Arbeit bezahlt und die sie mit ihrer Arbeit bezahlen.

Mit großer Sorgfalt üben sie die Kunst, der Langeweile Farben aufzutragenn, indem sie die Leidenschaft am Preis der Exotik, eines Liters Alkohols, eines Gramms Kokain, der Ausschweifung, der politischen Auseinandersetzung messen. Mit versiert-stumpfem Auge beobachten sie die kurzlebigen Notierungen der Mode, die von Rabatt zu Rabatt den Absatz der Sonderangebote kanalisiert: Kleider, Fertiggerichte, Ideologien, Ereignisse und die Stars auf dem Gebiet des Sports, der Kultur, der Wahlen, des Verbrechens, des Journalismus und der Geschäfte, die das Interesse an alldem wachhalten.

Sie glauben ein Leben zu führen, aber das Leben führt sie durch die nicht enden wollenden Hallen einer alles umfassenden Fabrik. Ob sie lesen, basteln, schlafen, reisen, meditieren oder vögeln, sie gehorchen fast immer dem alten Reflex, der jeden Arbeitstag durch die Führung hat. Macht und Profit halten die Fäden in der Hand. Sind die Nerven rehcts überspannt? Sie entspannen sich links, und die Maschine springt wieder an. Eine Belanglosigkeit ist in der Lage, sie über das Untröstliche hinwegzutrösten. Nicht ohne Grund haben sie jahrhundertelang unter dem Namen Gott einen Sklavenhändler verehrt, der nur einen von sieben Tagen zum Ausruhen zugestand und darüberhinaus verlangte, daß dieser seinem Lobgesang gewidmet sei.

Und dennoch fühlen sie, wissen sie am Sonntagnachmittag, so gegen vier Uhr, daß sie verloren sind, daß sie, wie in der Woche, das Beste von sich in der Morgendämmerung zurückgelassen haben, daß sie nicht aufgehört haben zu arbeiten.« (An die Lebenden)

Raul Vaneigem: »Das tägliche Exil«

»Obwohl der Tag sich schön angkündigt, schlägt er immer in Enttäuschung um. Das Grau-in-Grau der Arbeit trübt das Licht. Das Rasseln des Weckers verleiht dem Reigen der Stunden eine militärische Strenge. Man muß losgehen, das Undeutliche der Nacht verlassen, dem Ruf der Pflicht folgen wie dem Pfiff eines unsichtbaren Herren. Die morgendliche Verdrießlichkeit bestimmt den Schauplatz. Die Augen öffnen sich vor dem symmetrischen Labyrinth der Mauern. Woher soll man im voraus wissen, ob man sich eher auf der einen als auf der anderen Seite, innerhalb oder außerhalb der Möbius-Caroons befindet, in denen unaufhörlich Straßen, Wohnhäuser, Fabriken, Schulen und Büros auftauchen?

Sobald sie die Decke nächtlicher Träumereien voller Leichtsinn und Ruhelosigkeit zurückgeschoben haben, werden sie von der Notwendigkeit ergriffen, die sie zu dem Hin und Her eines mühseligen Schicksals schleift. Die Zivilisation schindet sie. Nun stehen sie da, ausgerüstet für den Hindernislauf des Rekruten, bereit, eine Welt zu erobern, von der sie ihrerseits schon seit langem erobert worden sind und die sie nur mit den Füßen voran verlassen lernen. Wo wären ihre Moral, ihre Philosophie, ihre Religion, ihr Staat, ihre gesittete Gesellschaft, all das, was ihnen das Recht gibt, allmählich und brav für etwas zu sterben, ohne das Trompetensignal, das sie auf den rechten Weg zurückbringt?

Eine eiserne Hand ist nötig, um sie daran zu hindern, dorthin zu gehen, wo es ihnen gefällt. Die nächtliche Beruhigung hat die peinliche Wirkung, sie vergeßlich zu machen. Wenn, wie sie versichern, die Gewohnheit eine zweite Natur ist, so gibt es also auch eine erste, die den Befehlen der Routine gegenüber zum Glück taub ist. Aus dem Schlaf gerissen, sträubt sich der Körper tatsächlich; er wehrt sich, bäumt sich auf, rekelt sich und streckt sich faul in die Länge. Der Kopf mag noch so sehr darauf bestehen und beharren, der Körper – dieser Lümmel – bleibt dabei, niemals bereitwillig hinzugehen. Das Gefühl läßt sich nicht besser beschreiben: Um mit ganzem Herzen bei der Arbeit zu sein, muß man fast herzlos sein.

In der Sonne und im Bett drängen anbrandende Verpflichtungen den Schaum wollüstiger Verlockungen zurück. Die Weichheit der Laken, das Umschlingen nackter Arme, die Gegenwart des geliebten Menschen, die Lust, durch Straßen und Felder zu schlendern – alles flüstert mit verwirrender Einfachheit: „Nimm dir Zeit oder die Zeit nimmt dich … Es gibt nur die Lust oder den Tod“

Auf scnelle Berechnung gedrillt, hat der Verstand aber bald wieder die Herde der Zwänge zusammengetrieben. Schon in der ersten Phase der Überlegung senkt sich das buchhalterische Gitter der Arbeitszeit herab, es läßt die Begierden – ohnehin nur Trugbilder! – nicht durch. Der Tagesablauf, gehörig gerastert, schreibt eine zwar gewählte, aber widerwillig gewählte Wirklichkeit ins reine – zu Lasten einer anderen Wirklichkeit, derjenigen des Körpers, der lauthals die Freiheit einfordert, endlos begehren zu dürfen.

Alles läuft so ab, als ob es nur eine einzige Welt gäbe, während die zweite sich im Nebel eines kindischen Märchenreichs verflüchtigt. Das Porzellan der Träume zersplittert in der Aufregung der Geschäfte und der lukrativen Tätigkeiten – und dies buchstäblich in einem Augenblick. Der Abend fügt die Überreste der arbeitenden Menschen wieder zusammen. Dann verleimt die Nacht die Begierden erneut, die der Besen mechanischer Griffe zum Abfall gekehrt hat. Sie bessert sie aus, so gut es eben geht: zehn flasche, eine richtige – auf die Liebe hin, falls sie noch da ist.

Im Morgengrauen wiederholt sich das Szenario, angereichert mit den Mühen des Vortags. Sind endlich Tag und Nacht durcheinandergebracht, umschließt das Bett einen endgültig besiegten Körper und begräbt in seinem Leichentuch ein Leben, das so oft fast erwacht wäre. Dies nennen sie die „harte Wirklichkeit der Dinge“ oder, mit ergötzlichem Zynismus, die „conditio humana“.« (An die Lebenden)

Gruppe Krisis: Manifest gegen die Arbeit

»Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Dieser zynische Grundsatz gilt noch immer – und heute mehr denn je, gerade weil er hoffnungslos obsolet wird. Es ist absurd: Die Gesellschaft war niemals so sehr Arbeitsgesellschaft wie in einer Zeit, in der die Arbeit überflüssig gemacht wird. Gerade in ihrem Tod entpuppt sich die Arbeit als totalitäre Macht, die keinen anderen Gott neben sich duldet. Bis in die Poren des Alltags und bis in die Psyche hinein bestimmt sie das Denken und Handeln. Es wird kein Aufwand gescheut, um das Leben des Arbeitsgötzen künstlich zu verlängern. Der paranoide Schrei nach “Beschäftigung” rechtfertigt es, die längst erkannte Zerstörung der Naturgrundlagen sogar noch zu forcieren. Die letzten Hindernisse für die totale Kommerzialisierung aller sozialen Beziehungen dürfen kritiklos hinweggeräumt werden, wenn ein paar elende “Arbeitsplätze” in Aussicht stehen. Und der Satz, es sei besser, “irgendeine” Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden.

Je unübersehbarer es wird, daß die Arbeitsgesellschaft an ihrem definitiven Ende angelangt ist, desto gewaltsamer wird dieses Ende aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt. So unterschiedlich die Methoden der Verdrängung auch sein mögen, sie haben einen gemeinsamen Nenner: Die weltweite Tatsache, daß sich die Arbeit als irrationaler Selbstzweck erweist, der sich selber obsolet gemacht hat, wird mit der Sturheit eines Wahnsystems in das persönliche oder kollektive Versagen von Individuen, Unternehmen oder “Standorten” umdefiniert. Die objektive Schranke der Arbeit soll als subjektives Problem der Herausgefallenen erscheinen.

Gilt den einen die Arbeitslosigkeit als Produkt überzogener Ansprüche, fehlender Leistungsbereitschaft und Flexiblität, so werfen die anderen “ihren” Managern und Politikern Unfähigkeit, Korruption, Gewinnsucht oder Standortverrat vor. Und schließlich sind sich alle mit Ex-Bundespräsident Roman Herzog einig: Es müsse ein sogenannter “Ruck” durch das Land gehen, ganz so, als handelte es sich um das Motivationsproblem einer Fußballmannschaft oder einer politischen Sekte. Alle sollen sich “irgendwie” gewaltig am Riemen reißen, auch wenn der Riemen längst abhanden gekommen ist, und alle sollen “irgendwie” kräftig anpacken, auch wenn es gar nichts mehr (oder nur noch Unsinniges) zum Anpacken gibt. Der Subtext dieser unfrohen Botschaft ist unmißverständlich: Wer trotzdem nicht die Gnade des Arbeitsgötzen findet, ist selber schuld und kann mit gutem Gewissen abgeschrieben oder abgeschoben werden.

Dasselbe Gesetz des Menschenopfers gilt im Weltmaßstab. Ein Land nach dem anderen wird unter den Rädern des ökonomischen Totalitarismus zermalmt und beweist damit immer nur das eine: Es hat sich an den sogenannten Marktgesetzen vergangen. Wer sich nicht bedingungslos und ohne Rücksicht auf Verluste dem blinden Lauf der totalen Konkurrenz “anpaßt”, den bestraft die Logik der Rentabilität. Die Hoffnungsträger von heute sind der Wirtschaftsschrott von morgen. Die herrschenden ökonomischen Psychotiker lassen sich dadurch in ihrer bizarren Welterklärung nicht im geringsten erschüttern. Drei Viertel der Weltbevölkerung sind bereits mehr oder weniger zum sozialen Abfall erklärt worden. Ein “Standort” nach dem anderen stürzt ab. Nach den desaströsen “Entwicklungsländern” des Südens und nach der staatskapitalistischen Abteilung der Weltarbeitsgesellschaft im Osten sind die marktwirtschaftlichen Musterschüler Südostasiens ebenso im Orkus des Zusammenbruchs verschwunden. Auch in Europa breitet sich längst die soziale Panik aus. Die Ritter von der traurigen Gestalt in Politik und Management aber setzen ihren Kreuzzug im Namen des Arbeitsgötzen nur umso verbissener fort.« (Gruppe Krisis – Manifest gegen die Arbeit – 1999)

Henry David Thoreau: »Diese wunderbare Welt…«

»… in der wir leben, ist eher erstaunlich als bequem, eher schön als nützlich, eher ein Gegenstand der Andacht als der Ausbeutung. Die Ordnung der Dinge sollte daher geändert werden: der siebte Tag sollte der Tag der Arbeit sein, der Tag, an dem wir unseren Lebensunterhalt im Schweiße unseres Angesichts verdienen. Die übrigen sechs Tage sollten festliche Tage der Liebe und der Seele werden – eine Zeit, in der wir durch diesen weiten Garten streifen, um uns den sanften Einflüssen und subtilen Eingebungen der Natur zu überlassen.«

Bertrand Russell: »Ich hätte gern eine Welt…«

»… in der das Ziel der Erziehung geistige Freiheit wäre und nicht darin bestünde, den Geist der Jugend in eine Rüstung zu zwängen, die ihn das ganze Leben lang vor den Pfeilen objektiver Beweise schützen soll. Die Welt braucht offene Herzen und geistige Aufgeschlossenheit, und das erreichen wir nicht durch starre Systeme, mögen sie nun alt oder neu sein.«